A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W Y Z

Transpersonale Psychologie

© Pixabay

Holotropes Atmen

Holotropes Atmen - Hintergrund und Kontext

Holotropes Atmen / Holotropic Breathwork® ist eine Methode der Transpersonalen Psychotherapie, die von dem tschechischen Psychiater Dr. Stanislav Grof und seiner verstorbenen Frau Christina Grof nach jahrzehntelanger Forschung auf dem Gebiet der außergewöhnlichen Bewusstseinszustände in den 70er Jahren in Prag entwickelt wurde.

Der Begriff "holotrop" bedeutet wörtlich "sich zur Ganzheit bewegen" (vom griechischen "holos" = Ganzes und "trepein" = sich in Richtung auf etwas zu bewegen). Der theoretische Rahmen des Holotropen Atmens integriert Erkenntnisse aus der modernen Bewusstseinsforschung, der Anthropologie, aus verschiedenen tiefenpsychologischen Ansätzen, der transpersonalen Psychologie sowie aus spirituellen Praktiken und mystischen Traditionen.

Beschreibung

Das Holotrope Atmen ist eine sehr tief gehende Form der Selbsterfahrung, die das innere Heilungspotential des Menschen aktiviert und unverarbeitete Elemente der Lebensgeschichte integrieren kann. Es kann zu Erfahrungen kommen, die weit über das biografische Modell der Psyche hinausgehen wie Begegnungen mit Geburt und Tod sowie spirituellen Erfahrungen.

Das holotrope Atem-Setting

Die holotrope Atemarbeit erfolgt meist in Gruppen, ist aber auch im Einzel-Setting möglich. In der Gruppe finden sich alle Teilnehmer*innen in Paaren zusammen: Sitter*innen (Begleiter*innen) und Erfahrende. Im Anschluss an die erste Atemsitzung, die mehrere Stunden dauert, werden die Rollen gewechselt. Die Sitter*innen greifen nicht in den Prozess ein, stehen den Erfahrenden aber bei Bedarf jederzeit zur Verfügung, ebenso die Therapeut*innen.

Der Prozess selbst kombiniert eine beschleunigte, tiefe Atmung (Hyperventilation) mit evokativer, unterstützender Musik, prozessorientierter Körperarbeit und unterstützender Energiearbeit. Mit geschlossenen Augen in einem meist abgedunkelten Raum auf einer Matte liegend durchläuft jede Person ihren ganz eigenen Prozess, bei Bedarf unterstützt von den Sitter*innen und Therapeut*innen. Im holotropen Bewusstseinszustand lässt die kognitive Vorherrschaft sukzessive nach und die jedem innewohnende Weisheit, die auf Heilung ausgerichtet ist, übernimmt die Regie, lenkt den für jeden einzigartig verlaufenden Prozess und bestimmt dessen Qualität und Inhalt. Keine Atemsitzung gleicht der anderen, während sich die Themen durchaus wiederholen können. Im Anschluss an die Atemsitzung wird das Mandala-Zeichnen eingesetzt, um die Erlebnisse und Erfahrungen zu integrieren. Zusätzlich findet ein intensiver Austausch in der Gruppe statt.

Kartografie der Psyche – Transpersonale Erfahrung und Transformation

Laut Stanislav Grofs erweiterter Kartografie der menschlichen Psyche treten Erfahrungen nicht nur in der biographischen Dimension der Psyche auf, die unsere Lebensgeschichte von der Geburt bis zum gegenwärtigen Moment umfasst, sondern auch in der von Grof definierten perinatalen und transpersonalen Dimension. Das Perinatale umfasst das Wiedererleben unserer eigenen Geburt - von der Empfängnis, dem Leben in der Gebärmutter, bis zur Geburt selbst. In diesem Bewusstseinsraum ist es möglich, eine intensive und kraftvolle Heilungsphase zu durchleben, die in spirituellen Traditionen auch als psycho-spirituelle Geburt, als Tod und Wiedergeburt bekannt ist und dem Erleben der Mystiker gleicht.

Die transpersonale Erfahrung inkludiert Bereiche der von dem Psychiater Carl Gustav Jung beschriebenen Archetypen sowie zahlreiche weitere kollektive Erfahrungen, die auch in den jahrhundertealten orientalischen und frühzeitlichen Traditionen benannt werden. Unbekannte Phänomene, die bisher von keiner anderen Tradition erfasst wurden, können hinzukommen.

Alle Erfahrungen werden zugelassen, begleitet und integriert, sodass langjährige Symptome geheilt werden können. Außerdem kann eine tiefe Transformation der Weltsicht und der Lebenshaltung stattfinden, die auf inneren Frieden, liebevolle Verbundenheit mit sich und allen lebenden Wesen ausgerichtet ist.

Kontraindikationen

Für Schwangere ist die Teilnahme nicht geeignet, da das holotrope Atmen zu intensiven energetischen Entladungen oder auch Geburtserlebnissen führen kann. Auch Bluthochdruck, Epilepsie, Herz-, Kreislaufprobleme und Glaukom gelten als Kontraindikationen. Aufgrund der zeitlich begrenzten Betreuungssituation wird Personen mit psychiatrischer Krankheitsgeschichte von holotropen Atemsitzungen abgeraten beziehungsweise ein entsprechendes Vorgespräch mit dem/der Therapeuten/Therapeutin empfohlen.

Autorin:
Martina Seifert, Yogalehrerin, Texterin, Lektorin
beherzt-yoga-bielefeld.de

Datum:
01.12.2018

Quellen:
Stanislav und Christina Grof, Holotropes Atmen: Eine neue Methode der Selbsterforschung und Therapie. Solothurn, Nachtschatten Verlag 2014
Stanislav Grof, Kosmos und Psyche. An den Grenzen des menschlichen Bewusstseins. Frankfurt a. M., Fischer Taschenbuch Verlag 2000
Grof Transpersonal Training
Institut für Holotropes Atmen, Transpersonale Psychologie & Psychotherapie

siehe auch:
Lexikonartikel Yoga