Ein Diskurs Praxis und Menschlichkeit

 

Krankheit und Menschlichkeit

von GastautorIn

Der Mensch im Mittelpunkt unserer Arbeit, das sagt sich leicht, aber was bedeutet es in der Praxis? In den folgenden Zeilen möchte ich anregen, etwas genauer darüber nachzudenken, was der Anspruch zur Menschlichkeit in der Praxis bedeuten kann.

Humanistisch zu sein bedeutet, das zur Orientierung zu nehmen, was den Menschen vom Tiersein unterscheidet. Menschen sind nicht nur geprägt, sondern sie tragen etwas Besonderes in sich:

  • das Bedürfnis nach Sinn, ein Suchen nach und ein Sich Orientieren an Visionen der Zukunft
  • die Fähigkeit des Bewusstseins, sich selbst zu re-flektieren und damit die dem Menschen gegebene Fähigkeit zur Wahlfreiheit
  • die Fähigkeit zu Liebe, die die andere Person als Person und nicht als Objekt von Bedürfnissen und Programmen meint,
  • die Kreativität, sich selbst und soziale Beziehungen aktiv zu gestalten


Wir sind in der Lage, Triebgeschehen und das Geprägtsein durch die Vergangenheit in einem Entwicklungsprozess aktive zu transformieren. Der Mensch kann in sich seine Menschlichkeit als Visionen erleben.

Krankheit und Humanismus

Krankheit ist aus humanistischer Sicht

  • ist ein Mangel an wirkungsvoller Sinnerfahrung,
  • verweist auf eine schwache Fähigkeit zu dem Bewusstsein, dass sich durch Achtsamkeit selbst reflektieren kann,
  • kann ein mehr oder weniger starkes Besessen Sein bzw. die Zwanghaftigkeit im Handeln und Denken sein. Gewalt gegen sich und andere ist Mitursache und Symptom zugleich. Krank ist hier die Menschlichkeit als Fähigkeit zur Liebe. Mit anderen Worten, Krankheit ist die blinde, letztlich tierhafte Umsetzung von Programmen.

Krankheit als Störung des normalen körperlichen und psychischen Systems, das Diagnostizieren von Fehlfunktionen und deren Behebung ist aus humanistischer SichtTeil der Heilkunst nicht aber ihr Wesenskern. Gesundheit ist nicht messbar an Normwerten des Funktionierens, sondern Gesundheit ist nur individuell als Sinnerfüllung und innerer Friede zu erleben und zu gestalten.

Merkmale humanistischer Praxis

Humanistische Praxis bildet sich im Ringen um und mit inhumanen Kräften und Dynamiken:

  • Jede Form von Fixierung auf einzelne Denkformen, Einsichten, Wahrheiten gilt als Gefährdung des Menschlichen.
  • Jede Form der Identifikation mit einzelnen Bedürfnissen bzw. mit Objekten oder Personen birgt die Gefahr des   Sinnverlustes und die Gefahr des Verlustes an menschlichem Bewusstsein.

Humanistische Heilkunst und Gesundheitskultur ist im Alltag eine praktische und politische Herausforderung:

  • Produktfixierung und Methodenfixierung ist in sich krankmachend. Der Glaube an einzelne Wirkstoffe oder Heiler gehört zu einer auf Gewalt basierenden Kulturphase. Gleichwohl sind Methoden- und Personengläubigkeit die fast normale Werbung.
  • Merkmal humanistischer Praxis ist das Anbieten, das Werben und Ringen um Sinnerfahrung. Dieses Ringen darf aber nicht den Bedürfnissen nach Macht, nicht den menschlichen tierischen Bedürfnissen unterliegen, sondern humanistisches Ziel ist, die Meinung, die eigene Haltung und Wahrheiten anzubieten und dem anderen Menschen wirklich die Freiheit der Wahl zu lassen.
  • Die oft unhinterfragte Dominanz der Gewinnökonomie und des Funktionierens der Arbeitskraft sollte als die größte Gefährdung der Gesundheit, der Menschlichkeit an sich im Kleinen wie im Großen zur Kenntnis gebracht werden.
  • Humanistische Heilkunst und Gesundheitskultur kann sich nicht auf große soziale Bewegungen oder auf           Institutionen beziehen. Die humanistische Identität muss überwiegend subversiv sein, um ökonomisch existieren zu  können.

Techniken humanistischer Praxis

Die wichtigsten Techniken humanistischer Praxis sind unter anderem

  • Achtsamkeitstraining und Training von Metabewusstsein
  • Training im Selbsterleben in Form von Anteilen (multikulturelle integrative Kommunikation mit sich selbst; innere Demokratie)
  • Nichtdirektive Formen aktiver Imagination und z.B. hypnosystemische Praktiken
  • Selbstveränderungstechniken durch Imagination in Verbindung mit Praktiken zur Steigerung von Selbstwert und  Autonomie
  • Alle Formen Autonomie und Freiheit praktizierender Kommunikation
  • Spirituelle Selbsterfahrung, in der Sinnerleben und Freiheit vermittelbar sind

In der humanistischen Heilkunst und Gesundheitskultur sind diese kommunikativen Kompetenzen wesentliche für das Anwenden von Heilmethoden und Methoden der Gesundheitsförderung. Denn die Wirkung von Methoden und Produkten wird durch die Erwartungshaltung der Kunden und durch das Beziehungserleben ausgerichtet. Diese beiden Faktoren werden ihrerseits durch eine bewusste Kommunikation gesteuert.

Ökologie ist zwingender Teil humanistischer Arbeit, weil die Vision der Menschlichkeit ein immer besseres Miteinander statt Gegeneinander enthält. Die soziale und natürliche Umwelt ist weit mehr als Umweltbedingung. Sie ist Mitwelt.


Literaturauswahl
Werner Eberwein: Humanistische Psychotherapie; Qellen, Theorien und Techniken; Theime Verlag 2009
Klaus Michael Meyer-Abich: Was es bedeutet gesund zu sein; Philosophie der Medizin (Hanser Verlag 2010)
im WEB z.B. die Arbeitsgemeinschaft humanistischer Psychotherapie (http://www.aghpt.de)

Dieser Artikel erschien erstmalig auf nova-expert.net.

Der Autor Gerhard Tiemeyer

Mitglied im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Alternative Medizin
www.dgam.de

 

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