33 Antworten auf die Frage "Was ist Stille?"

 

"Stille. Ein Wegweiser" von Erling Kagge

von Martina Seifert, Texterin, Lektorin, Yogalehrerin
(Kommentare: 2)

Eigentlich scheint es fast paradox, über Stille zu schreiben und überhaupt - wurde nicht schon genug gesagt über die Stille? Die Stille, die - ständig übertönt - sich immer mehr zu entziehen scheint, äußerlich und innerlich? Der norwegische Autor, Verleger und Reisende Erling Kagge versucht in seinem neuen Buch „Stille. Ein Wegweiser“ auf ganz persönliche Weise, dem Phänomen Stille auf die Spur zu kommen.

Als ich vor vielen Jahren das erste Mal an einem Sesshin im Kloster teilnahm, hörte ich fassungslos die vielen Stimmen in meinem Kopf. Wie ein Radio erzählte ich mir fortwährend selbst irgendwelche Geschichten. Zutiefst erschüttert wünschte ich mir sehnlichst, das ständige Geplapper einfach per Knopfdruck abzustellen. Seitdem fasziniert mich die Stille.

Stille als zutiefst menschliches Bedürfnis

Auch Erling Kagge gehört zu den Menschen, die die Stille suchen und manchmal finden. Der ewig Reisende, der von der Antarktis zu den Bermuda-Inseln und um Kap Hoorn segelte, auf Skiern Nord- und Südpol erkundete und den Mount Everest bestieg, denkt, nicht der Einzige zu sein, der sich nach Stille sehnt. Vielmehr ist er der Überzeugung, Stille sei "ein zutiefst menschliches Bedürfnis, wie das Bedürfnis zu essen und zu schlafen".

Hör‘ und schau ich mich in der Welt um, fällt es mir schwer, dies zu glauben. Überall rattert und dröhnt es, piept und klingelt es. Die Facetten des Lärms scheinen unendlich. Doch dahinter weilt die Stille  - wie der Mond, den eine riesige Wolkenwand verdeckt.

Kagge will uns nicht davon überzeugen, was sowieso allen klar zu sein scheint, dass wir die Ruhe als Ausgleich zum täglichen Lärm brauchen. Achtsamkeitsratgeber und Meditationsbücher berichten darüber bereits zur genüge. Vielmehr geht es dem Autor darum zu zeigen, dass die Stille alles durchdringt, dass es nicht einer großen Reise bedarf, eines Aufenthalts im Kloster oder einer bestimmten Meditationstechnik, um die Stille zu schmecken. Wir müssen nur lauschen und selbst still werden.

Binsenweisheiten? Ja, vielleicht. Und doch empfinde ich das Buch "Stille" als Bereicherung, staune über Kagges Zitate aus Literatur, Kunst und Philosophie, entdecke die Qualität der Stille aus bisher unbekannten Perspektiven und gebe mich inspirierenden Assoziationen hin.

Sichtbare Stille

Kagge lässt uns auch die visuelle Dimension der Stille entdecken wie sie der Anblick eines sternenklaren Nachthimmels zu enthüllen vermag, der leider nur allzu oft vom lauten Schrei des Lichts der Städte übertönt wird. Ein inspirierender Gedanke, der mich an dunkle Orte reisen lässt.

Nicht nur Kagges Worte, auch das Buch selbst mit seiner puristischen Aufmachung führt in die visuelle Stille - kontrastiert von dem lärmenden Foto einer Berliner Kreuzung, das hinter dem Schutzumschlag lauert.
 
"Stille" ist ein Gesamtkunstwerk, das als Geschenk die Stille der Stillen Nacht nicht zu stören vermag.

 

Erling Kagges Buch "Stille. Ein Wegweiser" ist im September 2017 im Insel Verlag erschienen und zum Preis von 14 Euro in Ihrer Buchhandlung vor Ort erhältlich oder bei buch7.de, dem Online-Buchhandel mit sozialer Seite.

Ein Artikel von Martina Seifert

Yogalehrerin, Texterin

Hegede 6
33617 Bielefeld

www.beherzt-yoga-bielefeld.de

 

 

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Kommentar von Jörg |

Dazu fiel mir der folgende Spruch von K.-H. Waggert ein:

Schweigen ist ein köstlicher Genuss, aber um ihn ganz auszuschöpfen,
muss man einen Gefährten haben.
Allein ist man nur stumm

Kommentar von Martina |

Dazu kommen mir folgende Worte in den Sinn:
"Wenn du einen Baum anschaust und seine Stille wahrnimmst, wirst du selber still. Du verbindest dich auf einer sehr tiefen Ebene mit ihm. Du fühlst dich eins mit dem, was du in der Stille und durch die Stille wahrnimmst. Dieses Gefühl des Einsseins mit allen Dingen ist wahre Liebe." (aus: Stille spricht. Wahres Sein berühren. Eckhart Tolle)

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