Ich bin Coachin...

... und ich glaube, dass unsere Branche beginnt, das Menschsein zu pathologisieren.

Quelle: Julia Goldbecker
18. August 2026 von Julia Goldbecker · somatic coaching

Ich schreibe diesen Beitrag nicht von außen.

Ich bin selbst Coachin. Ich arbeite körperorientiert, mit dem Nervensystem und mit den Spuren, die Erfahrungen in uns hinterlassen.

Und ich weiß, wie wichtig Traumaarbeit ist.

Sie hilft Menschen, ihre Reaktionen zu verstehen, sich nicht länger falsch zu fühlen und einen neuen Umgang mit dem zu finden, was sie erlebt haben.

Gleichzeitig beobachte ich in der Coaching-Szene eine Entwicklung, die ich hinterfragen möchte.

Trauma. Entwicklungstrauma. Bindungstrauma. Mikrotrauma.

Hinter fast jeder Reaktion scheint inzwischen eine alte Wunde zu liegen. Hinter jedem Problem ein Glaubenssatz. Hinter jeder Unsicherheit ein Anteil, der noch integriert werden muss.

Aber nicht jede schmerzhafte Erfahrung ist ein Trauma.

Wir alle werden verletzt, enttäuscht, übersehen oder nicht so verstanden, wie wir es gebraucht hätten.

Bedeutet Menschsein nicht auch, verletzbar zu sein?

Verwundet zu werden.
Zu verarbeiten.
Zu reparieren.
Zu reifen.
Und weiterzuleben.

Auch Kinder brauchen keine Eltern, die niemals etwas falsch machen. Sie brauchen die Erfahrung, dass wir nach einem Fehler wieder zueinanderfinden können. Dass ein Bruch nicht das Ende von Verbindung bedeutet.

Wir sind nicht nur verletzbar.

Wir sind auch widerstandsfähig.

Und wenn wir verwundet oder traumatisiert wurden, können Heilung und Integration möglich sein.

Dafür brauchen wir Menschen, die verantwortungsvoll differenzieren. Die nicht vorschnell erklären oder jede Reaktion auf die Kindheit zurückführen. Die ihre fachlichen Grenzen kennen und erkennen, wann der Rahmen eines Coachings nicht ausreicht.

Dieser Beitrag spricht deshalb weder für noch gegen Coaching oder Traumaarbeit.

Er öffnet eine weitere Perspektive:

Nicht jede Wunde ist ein Trauma.
Nicht jede Reaktion braucht ein Etikett.
Nicht alles muss aufgearbeitet werden.

Und gleichzeitig verdient echtes Trauma einen geschützten Raum und eine qualifizierte Begleitung.

Vielleicht müssen wir nicht weniger über Trauma sprechen.

Aber genauer.

Mit Achtung vor traumatischen Erfahrungen – und mit mehr Vertrauen in die Fähigkeit des Menschen, zu verarbeiten, zu reparieren, zu reifen und zu leben.

Ein Artikel von
Julia Goldbecker

Julia Goldbecker - Somatische Prozessbegleitung · Körperorient. Beziehungsarbeit · Selbstregulation
Somatische Prozessbegleitung · Körperorient. Beziehungsarbeit · Selbstregulation
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